Aus dem Alltag am Balzenberg
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Aus dem Alltag am Balzenberg

Dieses Frühjahr ist es auch am Balzenberg sehr feucht und kalt. Ob dieses Wetter auch die starke Schwarmbildung gefördert hat, weiss ich nicht genau. Tatsächlich habe ich aber in den letzten vier Wochen sechs Bienenschwärme gefangen und dabei sozusagen einen Schwarmfangkurs gemacht. Mal vom Boden aus, mal musste ich auf die Leiter, einmal bin ich sogar von selbiger gefallen und zum Glück mit einem kräftigen Schreck davongekommen. Ein paar Tage später las ich in der Bienenzeitung, dass das oberste Gebot beim Schwarm einfangen die Unfallvermeidung ist. Nun, das habe ich jetzt wirklich erfahren und verstanden. Den nächsten Schwarm habe ich dann mit einer Art Apfelpflücker gefangen, den ich mir von einem alten und erfahrenen Imker unten im Dorf geborgt habe. Da ich selber gar nicht mehr so viel Platz in meinem Bienen-Appartement-Haus hatte, habe ich zwei Schwärme verschenkt und einen gerade gestern zu einem sehr kleinen von letzter Woche dazu gesteckt. Das geht nur mit einem kleinen Trick, denn die Bienen erkennen ihre Zugehörigkeit am Duft der Königin. Jede hat ihr eigenes Parfum. Wenn ich nun zwei Schwärme vereinen will, muss ich,zumindest für eine kurze Zeit, für einen gemeinsamen Duft sorgen. Dazu habe ich in eine Sprühflasche Wasser mit ein paar Tropfen Sternanisöl gefüllt und damit sowohl die Bienen, die schon im Schweizerkasten waren,als auch die neuen Bienen eingesprüht. Dann mussten sie noch eine gemeinsame Nacht verbringen und nun hoffe ich, dass sie beieinanderbleiben und auch das mit den zwei Königinnen geklärt haben. Bisher sieht es gut aus.

Das Schwarmverhalten der Bienen ist hochinteressant. Gerade lese ich ein Buch von Thomas D. Seeley mit dem Titel „Bienendemokratie“. Darin berichtet er von seinen Erlebnissen und Ergebnissen bei der Erforschung der Bienen. Ganz konkret hat er sich und den Bienen die Frage gestellt, wie sie die Entscheidung für eine neue Behausung treffen. Ganz knapp kann man sagen: Die Kundschafterinnen „erzählen“ der Schwarmtraube, die an einem Baum hängt, durch einen Tanz, wo sie einen geeigneten Hohlraum gefunden haben. Dabei geben sie nicht nur Auskunft über die Richtung und Entfernung, sondern durch die Dauer und die Intensität ihres Tanzes, man könnte es Begeisterung nennen, zeigen sie an, wie gut geeignet der gefundene Ort ist. Aufgrund dieser Informationen machen sich andere Kundschafterinnen auf den Weg und schauen sich diese Behausung an, kehren zurück und führen im Tanz vor, was sie gefunden haben. Nach und nach bildet sich dann in den allermeisten Fällen eine Mehrheit für die tatsächlich beste Unterkunft. Sie sollte 40 Liter Rauminhalt haben, das Einflugloch am unteren Ende des Hohlraums liegen, der ganze Nistplatz am liebsten ungefähr drei Meter über der Erde und ausgerichtet nach Süden. Und fast immer haben sich die Bienen für genau diese Behausung entschieden, wenn man ihnen verschiedene Varianten angeboten hat.

Ich suche in diesem Entscheidungsprozess der Bienen auch einen Weg, der es uns Menschen möglich macht, gute Entscheidungen in und für Gemeinschaften zu fällen. Und dazu ist es meines Erachtens wichtig, ein gemeinsames Ziel zu haben, für das sich jeder Einzelne einsetzen will und was er und sie über ihre persönlichen Befindlichkeiten stellt. Dieses Ziel muss konkret gefüllt sein. Es reicht nicht, sich gemeinschaftliches Leben vorzustellen, sondern die Werte dieser Gemeinschaft müssen sehr genau und begreifbar herausgearbeitet sein.
Ich erinnere mich noch gut, als wir vor vielen Jahren mit der Familie ein Wohnprojekt gegründet und belebt haben. Drei Familien, ein Alleinstehender und die Vision von gemeinschaftlichem Wohnen. Erst im Zusammenleben, im Alltag zeigte sich dann, dass Jeder und Jede von uns ganz unterschiedliche Hoffnungen und Wünsche an die Gemeinschaft hatte. Diese reichten von täglichen gemeinsamen Mahlzeiten über einmal jährlich stattfindende gemeinsame Arbeitstage bis zur gesicherten Betreuung der eigenen Kinder durch die Gruppe. 18 Jahre habe ich dort gelebt und sehr viel gelernt.
Am Balzenberg lebe ich nun seit 11 Jahren, mal in Gemeinschaft, mal allein und immer forschend und lernend.

Herzliche Grüsse

Dhyan Mara